Anlässlich der Generalversammlung der Pfade des Wissens im vergangenen März blickte Ernst Zürcher auf den persönlichen Werdegang zurück, der zur Entstehung dieser Initiative geführt hat. Unter dem Titel „Zwischen Erde und Himmel, am Wasser entlang und um das Feuer herum“ vermittelte dieser Vortrag ein Verständnis dafür, wie sich eine in der Kindheit entstandene Intuition nach und nach zu einer Denkweise und schließlich zu einer Einladung zum Aufbruch entwickelte.

Im Rhythmus des Lebens wandern

Als Kind stellte sich Ernst Zürcher eine Frage, die ihn nie losgelassen hat: „Wie weit zu Fuss vom Meer entfernt bin ich geboren worden?“
Viele Jahre später wurde diese Frage zum Ausgangspunkt einer einmonatigen Wanderung bis zum Mittelmeer. Zu Fuss aufbrechen. Denn die Welt ist zwar weit, bleibt aber im Rhythmus der Schritte erreichbar.
Das Gehen ist eine uralte Praxis, die uns in Beziehung zu den Landschaften bringt. Dort, wo Verkehrsmittel sie durchqueren, verankert uns das Gehen in ihnen. Es macht uns aufmerksam für das Relief, die Wasserläufe, die Winde und die Begegnungen. Es erinnert daran, dass einen Ort zu kennen nicht nur bedeutet, ihn auf einer Karte zu verorten: Es bedeutet, zu lernen, sich dort zu orientieren, ihn zu spüren und sich mit ihm zu verbinden. Nach und nach versteht man, warum sich unsere Vorfahren hier und nicht anderswo niedergelassen haben und wie ihr Wissen mit den Orten verbunden ist, an denen sie gelebt haben.
Beim Gehen findet der Körper wieder zu einem Rhythmus zurück, den das moderne Leben oft in Vergessenheit geraten lässt. Herz, Atmung und Schritte geraten nach und nach in Einklang. Ernst erzählt, dass er dies fast zufällig begriffen habe, als eines Tages einer seiner Wanderstöcke zerbrach. Mit nur einem Stock stellte er fest, dass er diesen ganz natürlich alle vier Schritte aufsetzte. Dann bemerkte er, dass sich seine Atmung spontan diesem Rhythmus anpasste. Zudem beobachtet er, dass dieser Takt den grossen physiologischen Rhythmen entspricht, die von der Chronobiologie beschrieben werden.
Das Gehen ist also nicht nur eine Fortbewegung im Raum. Es bringt den Körper wieder in einen Dialog mit den Rhythmen des Lebens.

Wenn das blosse Denken nicht mehr ausreicht

Im Laufe dieser Wanderung kristallisiert sich eine Überzeugung heraus: Bestimmtes Wissen lässt sich nicht nur in Büchern entdecken. Es erfordert Zeit, Aufmerksamkeit und eine direkte Erfahrung der Welt.
Diese Überlegung spiegelt eine frühere Episode seines Lebensweges wider. Während seines Studiums durchläuft Ernst Zürcher eine Phase der Blockade. Er hat das Gefühl, dass ihm etwas entgeht. Nicht, weil akademisches Wissen nutzlos wäre, sondern weil es nicht mehr ausreicht, um seine Beziehung zur Realität zu nähren.
Da drängt sich ihm eine Idee auf: einen „echten Beruf“ zu erlernen.
Mit fünfundzwanzig Jahren beginnt er eine Ausbildung zum Käser. Dort entdeckt er eine andere Art des Lernens. Die Handgriffe erlernt man von denen, die sie täglich ausführen. Beobachtung, Wiederholung, die Arbeit mit dem Material und der Rhythmus der Jahreszeiten werden ebenfalls zu Lehrmeistern. An dem Tag, an dem er sein Berufszeugnis erhält, überkommt ihn die unerwartete Gewissheit, dass er endlich sein Studium wieder aufnehmen kann.
Diese Erfahrung veranlasst ihn, ein Gleichgewicht zwischen dem „Wissen, wie man denkt“ und dem „Wissen, wie man handelt“ zu pflegen – zwei Formen des Wissens, die in unseren Gesellschaften oft gegeneinander ausgespielt werden. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die konzipieren, auf der anderen diejenigen, die ausführen. Ernst Zürcher sieht darin hingegen zwei Dimensionen ein und derselben Intelligenz. Ein Denken, das niemals auf die Realität trifft, verarmt letztendlich. Eine Praxis, die der Reflexion keinen Platz einräumt, läuft ebenfalls Gefahr, ihren Sinn zu verlieren. Darin liegt eine der Grundlagen der Pfade des Wissens.

Inspiriert von überlieferten Praktiken

Die Idee der Pfade des Wissens entstand nach und nach an der Schnittstelle verschiedener Erfahrungen: dem Wandern, dem Erlernen eines Handwerks, den Begegnungen mit anderen Wanderern und mit Menschen, die von ihrem Know-how leben. Und schliesslich die Inspiration durch Formen der Wissensvermittlung, die die Jahrhunderte überdauert haben.
Unter diesen nimmt das Gesellenwesen einen besonderen Platz ein. Über Generationen hinweg zogen die Gesellen über die Strassen, um bei verschiedenen Meistern zu lernen. Sie wechselten die Region, entdeckten neue Praktiken und bereicherten ihr Handwerk. Das Reisen war Teil der Ausbildung. Die Pilgerreise folgte einer ähnlichen Logik. Mehr noch als das Ziel war es der Weg selbst, der den Wandernden oder die Wandernde veränderte.
Die Pfade des Wissens reihen sich in diese Tradition ein. Ohne die Vergangenheit rekonstruieren zu wollen, laden sie uns ein, das Wesentliche dieser Traditionen wiederzuentdecken: beim Wandern, bei Begegnungen und beim Tun zu lernen. Es handelt sich um ein Netzwerk aus Bauernhöfen, Werkstätten, Almen, Gärten, Wäldern und andere Lebensräume, in denen handwerkliches Können noch immer gelebt wird. Man kommt hierher, um einen Beruf zu entdecken, den Alltag zu teilen und zu verstehen, wie man sich um das Lebendige kümmert. Es gibt weder ein Zugangsdiplom noch ein Abschlussdiplom. Was zählt, ist der Wille zum Lernen und die Qualität der Begegnungen.
Zwischen zwei Stationen ist das Wandern Teil der Erfahrung. Es ermöglicht, das Gelernte reifen zu lassen, bevor man sich auf den Weg zu einer neuen Begegnung macht.

Zwischen Erde und Himmel, am Wasser entlang und rund um das Feuer

Im Verlauf seines Vortrags kommt Ernst Zürcher auf ein Bild zurück, das ihn immer wieder begleitet. In der Schweiz ist es möglich, in weniger als einer Woche zu Fuss die Quellen von Rhein, Rhône, Donau und Po zu erreichen. Ein Punkt, von dem aus die Gewässer nach Norden, Süden, Osten und Westen fliessen, um vier Flüsse zu speisen, die die Alpen mit vier verschiedenen Meeren verbinden.
Seitdem begleitet ihn jedes Mal, wenn er einem Flusslauf folgt, eine Frage: Mit welchem Meer bin ich hier verbunden?

Diese Frage, die bereits in seiner Kindheit aufkam, wird zu einer Einladung an jeden Einzelnen. Jeder Fluss gehört zu einem Einzugsgebiet. Jeder Ort ist mit einem Gebiet verbunden, das grösser ist, als man auf den ersten Blick wahrnimmt. Diese Art der Selbstverortung betrifft nicht nur die Geografie. Sie lädt auch dazu ein, die grossen Gleichgewichte eines Ortes zu betrachten: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Woher kommt der Regen? Woher weht der Wind? Wo befindet sich die Wärme? Wie beeinflusst die Topografie die Pflanzen, Bäume oder Tiere?
Für Ernst Zürcher ermöglicht diese Aufmerksamkeit für die Elemente ein besseres Verständnis des Lebendigen. Er erwähnt zum Beispiel das Holz, das er als fünftes Element vorstellt. Entstanden aus dem Zusammentreffen von Erde, Wasser, Luft und Sonnenfeuer, speichert es diese Energie und gibt sie langsam wieder ab. In einem Holzhaus zu wohnen, erinnert er, bedeutet, im Kontakt mit diesem Gedächtnis der Sonne zu leben.

Eine Einladung, sich auf den Weg zu machen

Im Grunde führen all diese Beobachtungen zu derselben Frage: Wie können wir wieder ein ausgewogenes Verhältnis zu dem Lebendigen um uns herum finden?
Die Pfade des Wissens bieten mehr als nur eine Antwort; sie bieten eine Erfahrung. Wandern, beobachten, arbeiten, zuhören, Fragen stellen, an einer Baustelle mitwirken, den Rhythmus eines Bauernhofs, einer Werkstatt oder eines Waldes entdecken.
Die Initiative richtet sich sowohl an junge als auch an weniger junge Menschen und steht allen offen, die ihrem Leben eine neue Richtung geben, handwerkliches Können erlernen, soziale Kompetenzen entwickeln und so zum laufenden ökologischen und sozialen Wandel beitragen möchten. Rund um die Orte der Wissensvermittlung entsteht eine Gemeinschaft: Wissensvermittelnde, Wanderlernende, Handwerker*innen, Landwirt*innen, Künstler*innen, aber auch Unterstützer*innen, die Unterkunft, finanzielle Hilfe oder eine Anlaufstelle auf dem Weg anbieten.
Die Initiative erhebt nicht den Anspruch, eine neue Welt zu erfinden. Sie versucht vielmehr, eine bereits existierende, oft unscheinbare Welt miteinander zu verbinden – eine Welt aus Frauen und Männern, die mit anderen, lebensfreundlicheren Wegen experimentieren, um zu produzieren, zu bauen, anzubauen und Wissen weiterzugeben.
Am Ende seines Vortrags zitiert Ernst Zürcher Paracelsus:
„Ich habe die gesamte Schöpfung betrachtet: Steine, Pflanzen, Tiere; sie erscheinen mir wie die Buchstaben eines Alphabets, während der Mensch ein lebendiges Wort ist.“
Dieses Bild fasst vielleicht den tiefen Sinn der Pfade des Wissens zusammen. Über die Vermittlung von Wissen hinaus geht es darum, das grosse Buch des Lebens neu zu lesen und darin den Platz wiederzufinden, den jeder einnehmen kann.
Die Pfade des Wissens sind vor allem eine Einladung, sich auf den Weg zu machen.